Der Kickers-Bus auf weite Reise

Er hat uns schon zu erfolgreichen Punktspielen, tollen Turnieren und Teamcamps kutschiert. Aber kein Einsatz unseres Kickers-Vereinsbusses ist bisher so wichtig und wertvoll gewesen, wie die insgesamt fast 2000 Kilometer lange Tour zur polnisch-ukrainischen Grenze an diesem Wochenende.

Unserem Vorsitzenden Wolfgang Schaffernicht sind die Eindrücke und Begegnungen noch deutlich anzumerken, als er sich gestern wohlbehalten in Potsdam zurückmeldet. Er hat sich spontan dem zweiten Hilfskonvoi des Stadtverbandes der Linken und weiteren Sportvereinen angeschlossen, um dringend benötigte Spenden nach Chełm in Ostpolen zu fahren und vor allem flüchtende Menschen aus dem dortigen Übergangslager nach Deutschland zu holen. 42 Mütter und Kinder konnten auf diese Weise mit sechs Kleinbussen in Sicherheit gebracht werden. ♥️🇺🇦

Wir wollen hier vor allem eines sagen:

DANKE an alle Helfer:innen für diesen großartigen Akt der Solidarität und Menschlichkeit!

Wer etwas mehr zu diesem besonderen Hilfseinsatz lesen mag, dem sei der persönliche Erfahrungsbericht von Stefan Wollenberg ans Herz gelegt:

Wieder zu Hause. Zum 2. Mal zurück von der polnisch-ukrainischen Grenze. Wieder waren wir in Chelm. Dank der Unterstützung des Potsdamer Seesportclub e.V., der Potsdamer Kickers 94 und des Potsdamer Tennisclub Rot-Weiss e.V. diesmal mit 6 Kleinbussen und 42 Plätzen für die Heimfahrt.

Freitag Abend in Lublin. Der Frühling scheint die Stadt geweckt zu haben. Wo vor einer Woche noch Schneehaufen das Bild bestimmten, sind jetzt Unmengen von Menschen in der Altstadt unterwegs, Musik in den Straßen. Samstag Morgen, Sonnenaufgang an einem wolkenlos blauen Himmel. Ungefähr 90km sind es von hier bis zur Grenze, 120 km bis zum Krieg. 70km werden wir ihm heute noch näher kommen. Weiter heran müssen wir nicht – Gott sei Dank!

Auch Chelm hat sich innerhalb einer Woche verändert. Überall in der Stadt stehen neue Wegweiser, leicht zu erkennen an der ukrainischen Flagge. Sie tragen in drei Sprachen Aufschriften wie „Humanitarian Aid Center“ und sorgen dafür, dass die zahllosen Helfer:innen sich zurechtfinden.

Uns begleitet diesmal Macziej. Vom Spendenlager, wo wir unsere mitgebrachten Hilfsgüter entladen, geht es zu einer großen Halle, einem ehemaligen Tesco-Supermarkt. Dort sind die Menschen nun untergebracht. Ein einziger riesiger Raum, 20m hoch, mit Trennwänden notdürftig unterteilt. Allein der Geräuschpegel ist unbeschreiblich. Unvorstellbar hier zur Ruhe zu kommen. Die Sporthalle, die noch letzte Woche genutzt wurde, musste geschlossen werden, zur Desinfektion, wie Macziej sagt. Ich möchte nicht darüber nachdenken, was sich wohl dahinter verbergen mag an einem Ort, an dem anderthalbtausend Menschen dicht gedrängt Tage und Nächte verbracht haben. Fahrgäste finden wir hier nicht. Die Menschen wollen offenbar vor allem innerhalb Polens weiterreisen. Was auffällt: außer uns ist nur noch ein größerer Konvoi aus München vor Ort. Einige von ihnen haben wir schon in der letzten Woche getroffen. Ansonsten hat die Zahl der deutschen Autos deutlich abgenommen. Die Zahl der Geflüchteten dagegen steigt exponentiell.

Nach einem kurzen Stopp geht es für uns weiter zum Bahnhof. Jeden Tag kommen dort mit Zügen aus der Ukraine mehrere Tausend Menschen an. Es ist ein kleiner Bahnhof, zwei Gleise, eine Bahnhofshalle von vielleicht 500m². Vor dem Bahnhof Polizei, Rettungswagen, ein Imbissmobil zur Versorgung der Helfer:innen.

Vor dem Bahnhof eine Kolonne von Menschen, hundert, hundertfünfzig vielleicht, mit wenigen Taschen, die Strapazen sind ihnen deutlich anzusehen. An der Spitze steht ein Soldat mit einem Schild: Warszawa. Das ganze wirkt wie eine aberwitzig grausame Karikatur einer Reisegruppe. Aber es ist bitterernst und furchtbar traurig.

Macziej bittet mich, mit hineinzukommen. Will ich das? Wir sind hier, um zu helfen. Es herrscht unglaubliches Gedränge. Vielleicht ist gerade ein Zug angekommen. Die Bahnsteige sind von Militär und Helfern abgeschirmt. „Normaler“ Bahnverkehr findet nicht mehr statt. Eine Sani-Station ist aufgebaut, Registrierungstische in den Ecken der Halle, Versorgung kurz hinter dem Eingang. An den Säulen in der Halle stehen die Schilder. Warschau sehe ich, München. Macziej führt mich zum „Berliner“ Pfeiler. Es dauert nur wenige Minuten, die ersten Menschen zu unseren Autos zu bringen. Totale Erschöpfung, apathische Gesichter, Angst, Unsicherheit. Die Gruppen wachsen schnell an, wir haben zwischendurch Mühe, den Überblick zu behalten. Schließlich sind noch 3 Plätze übrig.

Als ich wieder zurück in den Bahnhof komme, finde ich dort eine junge Mutter mit zwei Kindern. Sie weint, ist panisch, zwei polnische Sanitäter:innen versuchen sie zu beruhigen. Ein vielleicht einjähriges Mädchen sitzt neben ihr auf dem Boden, fällt einfach zur Seite um vor Erschöpfung – und weint nicht einmal mehr. Ihr vielleicht 6-jähriger Bruder steht verloren daneben. Macziej nimmt die kleine Mia auf den Arm. Sie lässt es einfach geschehen. Sie hält eine Schokolade am Stiel in der Hand, doch auch die interessiert sie nicht. Sie will nichts essen, nichts trinken, schaut uns nur völlig apathisch an. Wir suchen einen Arzt. Doch die Mutter reagiert sofort panisch, als der Sanitäter mit ihr zur Sanistation gehen will. Wir bleiben zusammen und der Arzt kommt zu uns. Mia ist aber vor allem erschöpft und übermüdet. Sie braucht Ruhe. Wir bringen auch diese Familie zum Auto und fahren los.

Ich fahre noch einmal zurück nach Lublin. Dort wartet Elena mit ihren beiden Töchtern auf mich. Sie sind aus Chernyhiwk geflohen, einer der umkämpftesten Städte zwischen der russischen Grenze und Kiew. Zwei junge Frauen, die wir in der vergangenen Woche nach Deutschland geholt haben, hatten den Kontakt hergestellt. Es ist nicht weniger als ein kleines Wunder, dass sie nach gut drei Tagen mit Autobus und 20h Zugfahrt für die 550km von Kiew bis zur polnischen Grenze, quer durch das Kampfgebiet, an diesem Mittag in Lublin stehen. Selten habe ich mich mehr freuen können, jemanden zu sehen. Es ist ein Lichtblick in diesem unbeschreiblichen Elend.

Das gesamte Grenzgebiet verwandelt sich mehr und mehr in ein gigantisches Auffanglager. An den Parkplätzen entlang der Autobahn bis Warschau sind Versorgungsstationen aufgebaut. Es gibt Essen, Bekleidung und was sonst noch benötigt wird. Die Werbetafeln an der Strecke werben für Mitfahrgelegenheiten von den Rastplätzen.

Mit Elena komme ich während der Fahrt schnell ins Gespräch. Auch ihre Töchter mischen schnell mit. Niemand spricht Englisch, mein Russisch taut zwar langsam auf, aber es gibt ja die technischen Hilfsmittel. Und Elena hatte in der Schule Deutschunterricht. Also üben wir ein bisschen gemeinsam. Und bei den verschiedenen Varianten von: „Entschuldigen Sie bitte, ich verstehe sie nicht!“ in allen Sprachen, die uns gemeinsam so einfallen, können wir sogar gemeinsam lachen.

Später will Elena wissen, was ich beruflich mache. Und Politik ist auf Deutsch schon nicht einfach zu erklären. Schließlich hat sie es verstanden und fragt: „Was glaubst Du Stefan, wie schnell ist der Krieg zu Ende?“ Was antwortet man in so einem Moment? Ich weiß es nicht. Das sage ich schließlich auch. Es aber aussprechen zu müssen – nicht hier zu Hause, am grünen Tisch, in irgendeiner abstrakten Diskussion, sondern gegenüber Menschen, die aus diesem Krieg kommen, ist schier unerträglich.

Langsam wird es dunkel auf der Autobahn, während der Fahrt ist es uns bereits gelungen, für einen Teil der Gruppe dauerhafte Quartiere zu organisieren. Das Netzwerk funktioniert. Plötzlich schrillen die drei Handys von Elena und ihren Töchtern gleichzeitig. Ich schaue fragend, das jüngere der beiden Mädchen sagt etwas, ich kann es aber nicht verstehen. Also spricht sie es in ihr Telefon. Und dann sagt die seelenlose Computerstimme des Übersetzers: „Flieger-Alarm“ …

Kurz nach halb elf schließlich erreicht der letzte unserer 6 Busse die Biosphäre in Potsdam. 42 Menschen und zwei Hunde haben wir diesmal mitgebracht. 19 konnten wir während der Rückreise bereits vermitteln. 23 werden eine Nacht in der Biosphäre verbringen – die ruhigste seit drei Wochen, wie sie mir am Sonntag morgen erzählen. Denn zwölf von ihnen wollen weiterreisen – nach Stuttgart, Gütersloh und Trier, wo Freunde und Familie auf sie warten. Also stehe ich um 08.30 nach einer kurzen Nacht wieder vor der Biosphäre.

Eine der Frauen berichtet von ihren Erlebnissen – manchmal bin ich glücklich, nicht alles zu verstehen. Sie hat Mitleid mit den russischen Soldaten, berichtet, wie die Ukrainer:innen in ihrer Heimatstadt die russischen Gefallenen bestatten, weil der russischen Armee die eigenen Toten völlig egal seien. Wenn man denkt, man hätte schon alles gehört, dann kommt immer noch etwas dazu.

Alle, die wir getroffen haben, waren froh und dankbar für unsere Hilfe. Alle nahmen uns zum Abschied in den Arm. 42 sind viel weniger als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und deswegen werden wir wieder fahren.

Denn eines sollten wir gerade jetzt nicht vergessen: Jedes Leben zählt!